Wozu sind Ferien eigentlich da?

Wozu Ferien Jugendcoach Claudia Pfiste

Gestern habe ich meinen 12 jährigen Sohn gefragt, auf was er sich am meisten freue in den Ferien. Seine Antwort kam prompt: “ Da kann ich endlich frei sein und selbst bestimmen, was ich mache! Da gibt es keinen Druck, ich hab meine Ruhe und kann chillen. Ausserdem sind wir dann alle zusammen und das find ich schön“

Da steckte ja einiges drin, in diesen Aussagen.

Unser Gehirn lernt immer, auch in den Ferien

Wir redeten darüber, wie er den Schulalltag empfindet und was eigentlich so anders ist gegenüber den Ferien.
In der Schule müsse er lernen, auch Dinge, die ihn überhaupt nicht interessierten. In den Ferien lerne er auch viele Dinge, zum Beispiel über neue Kulturen, die Natur und andere Menschen. All diese Erkenntnisse könne er sich sehr viel besser merken, als die Dinge, die er in der Schule lernen muss.
Aus der Neuroforschung wissen wir, dass unser  Gehirn alles was emotional geprägt ist, sprich Dinge die uns unter die Haut gehen, viel schneller aufnehmen und verarbeiten kann. Dinge die uns nicht oder wenig interessieren oder uns auf wenig anregende Art präsentiert werden, speichern wir hingegen nur sehr schwer ab.

Eine gemeinsame Urlaubszeit mit neuen Rahmenbedingungen, neuen Menschen, in einer anderen Umgebung oder gar in einem unbekannten Land bietet so viel Anregung und Spass für Kinder, dass das Erlebte und Gelernte schnell ins Unterbewusstsein dringt und haften bleibt. Dabei ist nicht entscheidend, ob man verreist. Schon der deutliche Unterschied zum sonstigen Alltag schafft einen Rahmen für neue Anregung.

Nur in einem ruhigen Teich spiegelt sich das Licht der Sterne

lautet ein altes, chinesisches Sprichwort.

Der Wunsch meines Sohnes nach Ausruhen und Ruhe zeigt mir, dass sein Leben ganz schön vollgepackt ist. Bereits Grundschüler haben heute häufig schon einen hohen Stresslevel. Bei Stress schaltet unser Gehirn in eine Art Überlebensmodus. Entweder rüsten wir zum Kampf oder suchen nach einem Fluchtweg. Gibt es keine Fluchtmöglichkeit, sprich Entspannung, Ruhe, Nachlassen des Drucks, verringert sich unsere Konzentrationsfähigkeit, und durch vermehrt ausgeschüttetes Cortisol können sich negative Gefühle wie Angst und Aggression verstärken. Erwachsene merken meist selbst, wann sie entspannen sollten. Wir meditieren dann zum Beispiel, gehen bewusst in „die Ruhe“ oder nehmen uns bestenfalls regelmäßig kleine Pausen im Alltag. Kinder aber tun so etwas nicht aus Vernunft, sondern eher weil Ihnen etwas im Moment Freude macht. Für sie ist es zum Beispiel aktive Entspannung, wenn sie einfach mal nach Herzenslust durch den Wald tollen können.

Die Ferien sind daher eine Art zwangsverordnete Ruhepause, die Kindern (und Lehrern) ermöglicht, Entspannung und Ausgleich zu finden.

Einmal Festplatte formatieren bitte

Auch in Ruhephasen ist unser Gehirn aktiv und wir reflektieren Vergangenes, Themen oder Auseinandersetzungen, für deren Verarbeitung wir im Alltag keine Zeit hatten. Die Ferien sind somit auch eine Zeit des Aufräumens, Sortieren und Neubewertens. Es ist so ein bisschen wie Formatieren der Festplatte, damit wieder etwas Neues aufgespielt werden kann

Wahrscheinlich stellen viele Eltern einen Plan auf, was wann in den Ferien gelernt werden muss, damit die Kinder am Ball bleiben und sie nichts vergessen. Das halte ich persönlich für nicht richtig, denn so eine Festplatte braucht Zeit, um sich zu formatieren und aufzuladen. Vertraut euren Kindern, dass einfach mal nichts tun meist mehr sein kann, als gezwungenermaßen etwas tun zu müssen. Das belastet das Miteinander, holt Gefühle der Frustration nach oben und bringt im Zweifel gar nichts. Wir sollten eher drauf achten, dass unsere Kinder in die Ruhe kommen und sich wohl und geborgen, statt getrieben fühlen.

Zeit für Familie und Gemeinschaft

Ganz wichtig ist meinem Sohn, dass er mit Familie und Freunden Zeit verbringen kann, Dinge entdecken darf und das Leben spürt. Diese Gemeinschaft ist überaus wichtig und heißt für ihn, leben und unbeschwert sein. Die Familie braucht in den Ferien auch wieder Zeit, um sich neu aufeinander einzustellen. Im hektischen Alltag herrschen andere Regeln und wir haben nicht die Möglichkeit, so viel Zeit miteinander zu verbringen. Urlaub kann auch bedeuten, wieder mehr übereinander und voneinander zu lernen.
Nach einer intensiven Familienzeit, ausgiebigen Entdeckungen und neuen Eindrücken, freut er sich dann nach den Ferien wieder auf all die Freunde und das Miteinander in der Schule.

Fazit:

Ferien sind die Möglichkeit zur Erholung für Körper, Geist und Seele. Sie sind eine Zeit, die wir, die Lehrer und unsere Kinder unbedingt brauchen. Wir können ihnen in den Ferien ermöglichen, frei und weitgehend selbstbestimmt zu leben, ohne Schulstress und Druck. Und was gibt es eigentlich Schöneres, als gemeinsam mit unseren Kindern, die Welt zu entdecken?

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